Freeze all motor functions: Die beste Serie 2016

Die beste Serie 2016

Achtung: milde Spoiler

Glaubt man Hollywoodproduzenten und sieht man sich die Veröffentlichungen in der Buchbranche an, wird das Genre des Western seit Jahrzehnten zu Grabe getragen. Schaut man sich jedoch bei Netflix & Co um, betrachtet man den Videospielemarkt und nimmt auch den zuletzt bei einem Privatsender erschienenen (mehr oder weniger geglückten) TV-Relauch von Karl Mays „Winnetou“ hinzu, dann scheint der Western erneut oder immer noch seine Renaissance zu erleben.

Ende des letzten Jahres erschien auf dem Bezahlsender Sky der neuste Streich von HBO, eine Serie, die das langsam zu Ende gehende „Game of Thrones“ beerben soll und dessen erste Staffel bereits mit seinen Zuschauerzahlen die Rekordserie um Georg R.R. Martins „Lied von Eis und Feuer“ in den Schatten gestellt hat.

Die Rede ist von Westworld. Und wenn man sich Idee, Besetzung und die Crew hinter den Kulissen anschaut, dann konnte dieses Produkt nur erfolgreich werden.

„I, Robot“ und „Open Range“
Geschäftsleute haben einen Vergnügungspark erschaffen, eine vollautomatische, künstliche Realität, in der sich die Besucher frei durch eine Welt bewegen können, die dem amerikanischen mittleren Westen des ausgehenden 19. Jahrhunderts nachempfunden wurde.

Man beginnt sein Abenteuer hinter den Kulissen. In einem architektonisch leicht futuristisch anmutenden Ambiente; begrüßt von Hostessen, deren Laszivität bereits andeuten, um welche Abenteuer es sich hinter der Türschwelle auch handeln könnte.  Wenn der Besucher mit gewähltem Hut und Colt dann durch die Tür tritt, taucht er in eine Welt ein, die klischeehafter nicht sein könnte. Ob Dampflokomotiven, Pferde und Kutschen, Straßenschießereien, Fahndungsplakate, brave Farmerstöchter, Banditen und geschäftstüchtige Prostituierte – Westworld bietet optisch und inhaltlich eine perfekte Kulisse, um seine Sehnsüchte und Triebe auszuleben.

Ähnlich wie in den OpenWorld-Rollenspielen auf Videospielkonsolen kann man einfach nur das grandios von der Kamera eingefangene Setting genießen (Panorama-Einstellungen!) und Lachse angeln, Items (sprich verbesserte Waffen) sammeln oder ganze Questen absolvieren. Manche dieser Storylines sind ehrenhafter (wie beispielsweise einen entlaufenden Verbrecher in den Bergen zu stellen), andere handeln vom Genozid in Indianerdörfern oder dem klassischen Bankraub.  Selbst ausladende Sex-Orgien in mexikanischen Villen gehören zum Programm. Menschliche Abgründe, sündhaftes Verhalten – daraus zieht der Park seine Attraktion.

Der große Clou von Westworld sind die Hosts. Sie sind nichts anderes als Roboter, doch ihr Design ist so lebensecht, dass man sich nie sicher kein, ob es sich bei einer Figur um einen Menschen oder eine Maschine handelt. Und genau darin liegt ein oft verwendetes Plot-Element von Westworld. Was macht einen Menschen aus? Woran erkennt man ihn? Wo beginnt, wo endet unsere Existenz?

Der Zuschauer folgt in der Serie gleich mehreren Figuren; Menschen und Hosts gleichermaßen. Viele von beiden segnen das Zeitliche, was bei den Hosts jedoch oftmals durch eine Wiederentstandsetzungen, sprich Reboots gelöst wird. Zudem werden manche der Roboter in unterschiedlichen Rollen eingesetzt, was in den bislang zehn Episoden für weiteren Charme und Überraschungseffekte sorgt.

Im Vergessen schlimmer Erinnerungen unterscheiden sich die Roboter von den Menschen und doch bleiben bei den Löschungen gesamter Festplatteninhalte Fragmente übrig. Zufall?
Am Ende geht es zu wie im Jurassic Park: Die Attraktionen haben Fehlfunktionen, entwickeln Bewusstsein und setzten sich über ihre zugeschriebene Existenz hinweg.

Musik und Sex
Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Roman (sowie dem Film) von Michael Crichton. Die Idee hatte u.a. Jonathan Nolan, Bruder von Christopher, der auch als Erfinder der Serie „Person of Interest“ gilt. Über den plottwist-erfahrenen J. J. Abrahms als Produzenten muss an dieser Stelle nichts mehr hinzugefügt werden.

Die Musik schreibt Ramin Djawadi, der neue Shooting-Star aus Hollywood, der nicht nur den Soundtrack zu GoT lieferte, sondern auch schon zu Filmen wie „The Incredibles“ oder „Pacific Rim“ grandiose Scores schrieb. In Westworld setzt Djawadi ein Westernklavier als durchgängiges Stilelement ein, das auch OnScreen durch ein mechanisches Saloonklavier mit der typischen Fehlstimmung in jeder Folge präsent ist. Zudem sorgen die Adaptionen bekannter Popsongs (bswp. „Black Hole Sun“ von Soundgarden) für den Bruch mit der Erzählkonvention und dem Weltenbau, den die Serie anstrebt.

HBO als Seriensender für außergewöhnliches Storytelling für Erwachsene muss natürlich auch eines liefern: explizite Nackt- und Gewaltdarstellungen. Beide fügen sich harmonisch in die Handlung ein und sind keinesfalls nur voyeuristischer Schmuckwerk. Gerade die häufig dargestellte Nacktheit der Hosts im Wartungsmodus gerät irgendwann aus dem Blickwinkel, weil die Dialoge Enthüllung genug bieten.

Schauspieler
Allen voran muss Sir Anthony Hopkins genannt werden, den man sich unbedingt im Originalton anschauen sollte. Jeder Satz ist ein Genuss, seine minimalistische Mimik gewohnt oscarreif.
Doch auch Ed Harris brilliert als Lonely Rider mit schwarzen Hut und liefert mit seiner Figur einen der zahlreichen Storytwists.
Neben diesen beiden alten Hasen tragen vor allem zwei Schauspielerinnen die Handlung. Evan Racel Wood und Thandie Newton geben ihren Figuren solch eine emotionale Tiefe, dass es hier entgegen der genrespezifischen Sehgewohnheiten eher die weiteren männlichen Charaktere sind, die zu Sitekicks werden.

Eine Serie für Autoren
Vielleicht empfand ich die Serie persönlich auch deshalb als so großen Gewinn, weil sie mich in vielen Elementen an mein Autorenleben erinnerte. Die Figuren durchlaufen große Entwicklungen, wandeln sich mitunter von dem Pol einer Eigenschaft zu ihrer gegensätzlichen. Neben der klassischen 3-Akt-Dramaturgie sorgen vor allem die Plot-Twists für große Überraschungen. Selbst eine so populäre Schreibregel wie „Show, don‘t tell“ (Zeige mit allen Sinnen, was du erzählen willst und berichte nicht nur passiv und emotionslos darüber) wird hier explizit thematisiert. Eine Rolle, der Chef-Autor der Firma Westworld, leidet gar unter den typischen „Autorenkrankheiten“, wenn die von ihm erdachten Figuren sich nicht an die vorgedachten Handlungswege halten oder die Firma (der Verlag) andere, weil wirtschaftlichere Programmstrukturen bevorzugt.

In diesem Sinne: „Freeze all motor functions!“

One thought on “Freeze all motor functions: Die beste Serie 2016

Kommentar verfassen