Long live the … symbol (Netflix: »The Crown«)

Netflix überrascht wieder. Dieses Mal mit einer Serie über niemand Geringeren als »The Queen«, Elisabeth II.

Was der Streaming-Dienst hier mit zunächst zehn Folgen gezaubert hat, ist mehr als nur das Biopic einer Königin, die Geschichte einer royalen Ehe oder der fast dokumentarische Blick auf die Epoche der Nachkriegszeit. „The Crown“ ist Erzählkunst auf hohem, aber doch zugänglichem Niveau. Zwar erfüllt sich die Prämisse „Das Amt macht den Menschen“ bereits am Ende der ersten Staffel (weitere fünf sollen folgen), aber der Weg dorthin wird so abwechslungsreich und greifbar geschildert, dass jede einzelne Folge eine Perle ist.

„Keine Schwäche – Die Krone muss immer gewinnen“
Im Gesamten folgt die Serie dem Erzählmuster  einer „succession story“, einer Nachfolger-Geschichte und damit der erwachsenen Variante eines „Coming-of-age-Plots:
Ein Mensch, der bereits ein gewisses Maß an Erfahrung aufweisen kann, findet sich mehr oder weniger plötzlich in einer Situation wieder, die ihn vor Probleme stellt. Er wird geprüft, ist überfordert, reift aber auch und kann letztendlich sogar Großes vollbringen und triumphieren.

„The Crown“ beginnt bei der Heirat zwischen Philip und Elisabeth (1947). Der Zuschauer  weiß, dass es die introvertierte Elizabeth auf den Thron schaffen und diesen für sehr viele Jahre halten wird. Doch das Wie interessiert. Der Zuschauer leidet mit Elisabeths Zweifeln, hadert mit ihren Entscheidungen oder begrüßt es, wenn sich die junge Königin gegen die grauen Herren der Demokratie auflehnt und an Farbe gewinnt.

Zwischen Heirat, Krönung und Auslandsbesuchen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen (Highlight-Folge „Act of God“: Ganz London wird von Smog lahmgelegt) sind er vor allem die leisen Momente zwischen dem königlichen Paar, die der Serie zu Brisanz verhelfen. Als Prinz Philip seine Elisabeth fragt: „Bist du meine Frau oder meine Königin?“ und noch ein „Ich knie nicht vor meiner Frau“ hinterherwirft, zeigt sich der zentrale Konflikt im Königshaus. Ob er 1:1 so stattgefunden hat, interessiert weniger. Wichtiger ist die Erkenntnis, dass es solch einen Dialog gegeben haben könnte. Der Zuschauer ist Voyeur, Mäuschen im Schloss. Daraus erwächst die Spannung.

„Churchill: Die Menschheit steht am Rande der Katastrophe“
Eine Rezension über »The Crown« darf nicht schließen, ohne Würdigung der grandiosen Verkörperung des Winston Churchills. Diese Figur wird in der Serie weder entzaubert, noch mystifiziert. Stattdessen greift John Lithgow in seiner Darstellung auf die gesamte Palette der Schauspielkunst zurück, dass man tatsächlich vergisst, wie der echte Churchill geredet, gehandelt oder ausgesehen hat. So gerät Folge 9, die von der Erstellung eines offiziellen Porträts zu Churchills 80. Geburtstag handelt, zu einer Miniserie innerhalb der Serie und setzt dem bedeutendsten britischen Staatsmann des vergangenen Jahrhunderts ein würdiges Denkmal. Die dargestellte Diskrepanz zwischen politischer Stärke und privater Gebrechlichkeit ist einen Emmy wert.

 „Es geht nicht um den Titel, es geht um sie, sie zu lieben, sie zu beschützen. Sie ist die Essenz deiner Verpflichtungen“
Doch der Star der Serie ist die englische Königin, interpretiert von Claire Foy. Der Schauspielerin gelingt es, trotz minimalistischer Mimik und sparsam eingesetzter Gestik zu überzeugen. Denn wie bei der leibhaftigen Queen wartet der Zuschauer sehnsuchtsvoll auf ein Lächeln, ein Durchschimmern unkontrollierter Emotionen hinter der Fassade. Und jede Gefühlsregung, die Claire Foy anbietet, schafft Identifikation mit der Queen.
Besonders in den Foys Augen spiegelt sich das Dilemma, welches sich in einer Frage über die gesamte erste Staffel manifestiert:
Wird es Elisabeth schaffen, ihre Bedürfnisse, ihre Menschlichkeit, ihre Sterblichkeit angesichts der übermenschlichen Aufgabe zu bewahren, oder ist sie am Ende nur noch ein Symbol des Commonwealth, beraubt aller Fehlbarkeit, einsam an der Spitze eines bröckelnden Empires?

Bereits der Titel der Serie deutet an, in welche Richtung sich die Frage beantworten lässt.

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