Achtung Diebe!

In meinen Debüt-Roman habe ich mich für eine Gruppe von Figuren entschieden, die meiner Meinung nach im Fantasygenre viel zu wenig auftaucht. Die Rede ist weder von schwertschwingenden Kriegsherren oder amazonenhaften Freiheitskämpferinnen, noch von vernarbten Zauberschülern. Ich spreche von Dieben, jene „graue“ Charaktere, die sonst oftmals in der zweiten Reihe stehen, abgetan als Sitekick oder Comic Relief-Figur.

 

Der erste Dieb
Bei mir begann es – wie bei vielen Fantasyautoren – mit dem klassischen Rollenspiel. Schon meine erste Spielfigur war ein Streuner; ein Straßendieb ohne ihm bekannte Wurzeln, dessen Kleidung und Waffen aus dem bestand, was er in den Gassen der Städte „fand“.
Ich habe viele Jahre Rollenspiele gezockt, mehrere Spielsysteme ausprobiert und mit nahezu zwei Dutzend Gleichgesinnten in dunklen Kellern, Jugendzentren oder Mehrzweckhallen gespielt. Doch nicht nur Diebe standen auf meinem Spielplan. Auch (Halb-)Elfen, Zwergen, Halblingen, Druiden und Wüstenkriegern gab ich meine Stimme.
Keinen Archetyp habe ich jedoch so oft gespielt wie den Dieb.
Diese Zerrissenheit irgendwo zwischen ritterlichem Heldenmut und abgrundtiefem Schurkentum, dieses Handeln nach einem eigenen und doch strengen Moralkodex, der angesichts einer verlockenden Gelegenheit oftmals auf die Probe gestellt wurde, hat mich vom ersten Würfelwurf an bei DSA und D&D fasziniert.

 

Dieb ist nicht gleich Dieb.
Über die Jahre fügte ich dem Streuner neue Facetten hinzu. Mal waren es Handwerktypen wie Schlösserknacker oder Taschendiebe, Fallenentschärfer oder Fassadenkletterer, Straßenräuber oder Fälscher. Doch nicht nur das Werkzeug macht den Dieb. Auch die Art zu (über-)leben bestimmt den schurkischen Charakter. So gab es Lebenskünstler wie den Glücksritter oder Trickbetrüger, den Spieler oder Hochstapler, die sich in jeder Gesellschaftsform einfügen, sich jeder sozialer Situation anpassen konnten. Auch Spezialisierungen wie Juwelendiebe, Grabräuber, Schmuggler, Pirat, Hehler oder Gaukler waren Varianten meiner Diebe.

 

Diebe überall
Dann begann ich, meine eigenen Geschichten zu schreiben. Und was lag näher, als einen Roman (nahezu) komplett mit diebischem Personal auszustatten.
Liegt es an meiner selektiven Wahrnehmung oder ist die Zeit reif für Diebe?
Schaut man sich die Filme der letzten zwanzig Jahre an, so standen Charaktere mit zweifelhafter Gesinnung, einem doppelbödigen Kodex oder vorwitzigem Gehabe schon oft im Fokus.
Man denke an Einbrecherfilme (Heist-Movies) wie Oceans 11-13, Inception, The Italien Job und nicht zuletzt den grandiosen „Heat“ mit Al Pacino und Robert De Niro.
Aber auch in jüngster Vergangenheit lief mit der Geschichte des Diebstahls von Konstruktionsplänen einer kugeligen Raumstation (kein Mond!) ein Film über Diebe im Kino. Und fragt man Fans des fantastischen Genres nach ihrem Lieblingscharakter in „Fantastic Beasts and Where to Find them“, so nennen die meisten eine Maulwurf-Schnabeltier-Hybride mit kleptomanischen Zügen. Es muss nicht immer Robin Hood sein.
Zwar war schon Tolkiens Bilbo ein „Meisterdieb“ und mit den Einbrechern und Ganoven Locke Lamorra (von Scott Lynch), Artemis Fowl (von Eoin Colfer) und zuletzt den Figuren in „Wedora“ (Markus Heitz) sowie in Michael J. Sullivans Riyria-Reihe gibt es durchaus diebisches Personal, aber im Vergleich zu anderen Figurentypen scheint mit der Langfinger noch nicht überreizt.

 

Der böse Dieb
Bei aller Romantisierung darf man nicht vergessen, dass wir es hier mit Gesetzesbrechern zu tun haben. Alle Diebe eint die Veranlagung, sich fremdes Eigentum anzueignen, sich etwas mit Mitteln zu beschaffen und über Wege zu holen, die von anderen Figuren (dem verklemmten Paladin, der spießbürgerlichen Gesellschaft und der herzoglichen Obrigkeit) nicht gebilligt werden oder gar verboten sind. Ein Halunke, der noch im hohen Alter seinen Enkeln vollständige Fingerreime vorführen kann, ist selten.

Eine Spielart diebischen Lebens habe ich oben ausgespart. Auch Kopfgeldjäger und Meuchelmörder zählen zu den Dieben. Ihnen geht es jedoch weniger um den Diebstahl von Münze, Giftschrank-Buch oder Kronjuwel: Sie stehlen Leben. Und doch ist es ein Assassine, der seit zehn Jahren durch heimische Konsolen reist und sich quer durch die europäische, amerikanische oder orientalische Geschichte meuchelt. Ich denke, es liegt weniger am hohen Bodycount der Assassins Creed-Spiele, sondern an der Möglichkeit, durch antike oder mittelalterliche Settings zu schleichen, zu klettern, zu flüchten und zu streunen.

 

Der Dieb in uns
Die Möglichkeit, eine Figur zu begleiten, die es mit dem Gesetz nicht allzu streng hält, bietet dem Rezipienten die Möglichkeit, sein gewohntes Ich, seine Moralvorstellungen für die Dauer eines Romans, eines Films oder Spiels hinter sich zu lassen. Natürlich gelingt das bei Priesterinnen Avalons oder Vampirfreundinnen auch. Doch die Distanz zum Diebescharakter ist aufgrund seiner „Normal-Sterblichkeit“ geringer, die Identifikation somit leichter.
Bei mir löst allein das Wörtchen „Dieb“ mehr Bilder und Stimmungen aus, enthält mehr Konfliktpotential, als es alle Kämpfer und Zauberer in Romanen, Spielen und Filmen je vermochten.

Wie steht ihr zum Archetypus Dieb? Habt ihr bereits Einbrecher gespielt? Lest ihr gerne Romane mit zwielichtigen Protagonisten oder schaut euch Heist-Movies an?
Ich freue mich auf eure Kommentare.

2 thoughts on “Achtung Diebe!

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