Vier Gründe, die für den „King Arthur“- Film sprechen

Nach dem unterhaltsamen zweiten Teil von „Guardians of the Galaxy“ und dem guten, etwas weniger spannenden Alien-Ableger „Covenant“ hegte ich keine große Hoffnung, dass sich mein Kino-Hattrick diese Woche den Höhepunkt bis zum Schluss aufgespart hat. Zu schlecht waren die Kritiken, zu traurig die Bewertungen auf IMDB oder RottenTomatoes. Auch die Trailer zu „King Arthur“ überzeugten beim ersten Sehen nicht vollends.

Doch der Film überrollte mich wie eine Dampflok. Nach 120 Minuten war ich platt, platt von der visuellen und musikalischen Wucht, die der Film entfesselt.

Leider stehe ich damit nicht auf der Seite der Mehrheit, denn IMDB bewertet den Film nur mit 7,3 Sternen (normalerweise schaue ich selten Filme unter 7,5 … Alien Covenant bewerte ich jedoch besser als die momentanen 6,8) und vermutlich wird es Guy Ritchie keinen der geplanten Arthur-Fortsetzungen drehen dürfen.

Warum der Film aber dennoch überzeugt, lässt sich an vier Gründen festmachen:

1. Fantasy

Wir leben in goldenen Zeiten. Nie war die Zeit reicher an Stoffen aus dem Genre der Fantasy mit all ihren Subgenres. Am ehesten ist King Arthur der Epic-Fantasy zuzurechnen, aber da Guy Ritchie die klassische Artussaga auf Speed serviert (andere Quellen sprechen vom Superhelden-Einschlag oder RocknRoll-Anleihen) wird dieses Genre gekonnt und dabei erfrischend neu bedient.

Das beginnt mit der Auswahl und dem Casting der bekannten Figuren. Mögen Merlin (nur von hinten gezeigt) und Lancelot (gar nicht gezeigt) auch in diesem Teil der Geschichte fehlen, so ist bereits Uther Pendragon prominent durch Eric Bana besetzt. Bana stellt einen König dar, der zwar gemäßigt daherkommt, sich aber gegen Riesenelefanten eindrucksvoll zu wehren weiß (nimm das, Winzling von einem Mûmakil). In der zweiten Riege stehen dann Namen wie Djimon Hounsou als Sir Bedivere, Aiden Gillen (der bei „Game of Thrones“ den Littlefinger mimt) als bogenschießender Bill bis hin zum Kampfmönch George (Tom Wu – der sich allerdings nach seiner Netflix-Rolle in „Marco Polo“ nicht umgezogen hat und daher seltsam deplatziert daherkommt). Michael McElhatton, ein anderer Game of Thrones-Recke (Lord Bolton) und Gemma Jackson (Setdesign, ebenfalls „Game of Thrones“) lassen durchscheinen, dass man sowohl auf Seiten der Figuren als auch beim Produktionsdesign kein Risiko im Genre der Fantasy eingehen wollte.

Die größten Schwächen hat der Fantasyfilm im Plot. Die Handlung verläuft gradlinig und ohne große Überraschungen. Wie auch, denn die Geschichte um König Artus wurde bereits so oft neu adaptiert, dass niemand mehr angesichts der Plotpoints überrascht sein dürfte. Aber der Film macht keinen Hehl daraus, dass man sich in erster Linie nicht auf den Plot fokussiert hat.

So legt Guy Ritchie vor allem Wert auf Action und visuelle Phantastik. Während erste schon mal in SlowMotion daherkommt oder mit der Face-Cam (?) einfangen wurde, wird in Sachen Monster-Kompendium aus den Vollen geschöpft. Die Darstellung von Riesenschlagen, Riesenkämpfern, Riesenadlern, Riesenratten und Riesenfledermäusen wirkt zwar übertrieben, passt aber zum Duktus des Films.

Eine tiefsinnige oder gar romantische Geschichte findet sich im Film nicht. Es gibt kaum ruhige, selbstreflektierte Momente und selbst die angedachte Beziehung zu der namenlosen Magierin (sehr gut gespielt von Àstrid Bergès-Frisbey), die später zu Guinevere hätte werden sollen, findet augenscheinlich nicht statt.

King Arthur ist ein Fantasygemälde, groß, laut, modern inszeniert und mit einer Videospielästhetik versehen, die man durchaus kritisieren kann. Aber dann hat man auch „300“ nicht gemocht und „Batman vs. Superman“ noch grausiger empfunden.

2. Das Rollenspiel-Gefühl

Excalibur – das Schwert der Macht. In Regelwerk zu „Advanced Dungeons&Dragons“ wird der Zweihänder gelistet: Er verhalf seinem Träger zu einem Bonus nicht nur in fast allen körperlichen Attributen, er verlieh auch unfassbar viel Lebensenergie und verschaffte seinem Besitzer so etwas wie Unsterblichkeit. Und dennoch prüfte das Schwert jeden, der wagte, es zu berühren. All das findet sich auch im Film und das keinesfalls albern dargestellt. Jedem ehemaligen oder aktiven Rollenspieler geht in der Szene, als Artus das Schwert aus dem Stein zieht, das Herz auf.

Der junge Artus wächst in den Straßen des mittelalterlichen Londons auf und verdient sich sein Geld durch Straßenkämpfe und Rausschmeißer-Jobs in Bordellen. Der Weg des Helden, von seiner gewohnten Welt bis zum Ruf des Abenteuers wird im Film im Zeitraffer erzählt; dem ersten von vielen Momenten, die auch den Zuschauer atemlos zurücklassen.

Aus den Diebesfreunden aus Kindertagen werden Männer mit Kampferfahrung und nach und nach stoßen die späteren Ritter der Tafelrunde dazu. Der schweigsame, aber treue Typ, der Lustige, der fürsorgliche Vater, die mysteriöse Frau, der Schwertkämpfer, der Bogenschütze – all diese Archetypen einer Heldengruppe werden bedient. Leider geraten davon einige zu sehr in den Hintergrund, aber der Film fungierte als Exposition und vermutlich wären die Charaktere in weiteren Filmen noch ausgebaut worden (tatsächlich sollten in den folgenden Teilen u.a. die Ritter Lancelot und Tristan im Vordergrund stehen).

Ein besonderes Schmankerl für Rollenspieler erwächst aus dem Erzählstil des Regisseurs. Besonders eine Szene im ersten Filmdrittel, in der dem Gardehauptmann hanebüchen in einem Quasi-Verhör von den vergangenen Stunden erzählt wird, ist pure Rollenspiel-Komik. Ich sehe die Szene bildlich vor mir: Die Spieler sitzen am Spieltisch, überbieten und widersprechen sich gegenseitig mit kruden Details, nur um sich aus der Situation zu lavieren, in die sie der Spielleiter (Meister, Dungeon-Master etc.) gebracht hat. Und wenn die Filmfigur sogar noch fordert „Ok, spulen wir noch mal zurück!“, dann lacht man und fühlt sich an viele Abende im Kreise der rollenspielenden Freunde erinnert.

3. Schottland, England, Wales

King Arthur wurde in den Bergen Wales, den grünen Parks Englands und den schottischen Highlands gedreht. Trotz aller Verwendung von CGI strahlt die majestätische Schönheit der britischen Insel durch viele der Szenen und man möchte dem Cutter zurufen „Verweile doch!“ Aber Artus muss weiterreiten und weiterwandern, denn die Musik treibt ihn unerbittlich voran, so dass auch Locations wie die Isle of Skye vermutlich ernst beim zweiten Seherlebnis in all ihrer Pracht genossen werden können. Es sei denn, der nächste Location-Urlaub steht an.

4. Der Score

Apropos Musik: Diese verdient ihren eigenen Absatz. Daniel Pemberton heißt der Komponist und in „Codename U.N.C.L.E.“ ist er mir noch nicht aufgefallen. Was er aber bei „King Arthur“ gezaubert hat, ist auch in meiner raumfüllenden (heißt festplattenfüllenden) Soundtrack-Sammlung bislang einzigartig. Natürlich hört man auch wieder den Dudelsack, viel weitklingendes Blech und den Bombast urtümlicher Hörner, aber dieser Score ist so viel mehr als nur Apokalypse-Pathos.

Mittelalterliche und norwegische Gitarren wurden verwendet, eine Tromba Marina, sogar chinesische Essstäbchen hört man. Dann sind da noch die Tracks, die zum größten Teil aus aufgenommene Atem-Geräuschen bestehen und die das Hetzen und Flüchten durch die Gassen Londiniums perfekt einfangen.

Zudem hat der Komponist zwei Songs inkl. Gesang geschrieben, denen ich beim ersten Hören im Trailer ebenfalls skeptisch gegenüberstand (man denke nur an die Verhunzung des Assassins Creed-Trailers mit Rockmusik). In den Film mischen sich diese beiden mittelalterlichen Weisen aber perfekt zu den Bildern und sorgen ein ums andere Mal für Gänsehaut.
Meine Anspieltipps:

  • Track 3 „Growing Up Londinium“ (dazu kann man gut Sport machen – alles, nur kein Yoga).
  • Track 4 „Jackseye’s Tale“ (eignet sich auch gut für das Schreiben von Fantasyromanen),
  • Track 19 „The Lady in the Lake“(sehr atmosphärisch und doch irgendwie anders)

King Arthur hat in Amerika zu wenige Dollars eingespielt. Vielleicht mag es an Guy Ritchies eigenwilligen, europäischen Stil liegen, vielleicht hat der amerikanische Kinogänger bereits zu viel Geld an Marvel geopfert, vielleicht war aber auch schon zu viel Sommer im Mai.
In Europa lief der Film besser. Vielleicht sind wir einfach die größeren Fantasy(film-)Liebhaber, reisen öfter in das Vereinigte Königreich, sind experimentellen Scores gegenüber aufgeschlossener (es muss nicht immer Hans Zimmer sein – ich mag ihn aber trotzdem) und hängen als Rollenspieler noch immer längst vergangenen Spiel-Epochen an.

King Arthur ist großartiges Fantasy-Kino. Die BluRay ist bereits vorbestellt.

 

7 thoughts on “Vier Gründe, die für den „King Arthur“- Film sprechen

  1. Wie immer ist der Artikel sehr gut geschrieben!
    Nach dem Lesen dieses Artikels bleibt einem ja kaum etwas anderes übrig, als sich den Film selbst im Kino anzuschauen 😉

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