Warum ich „Wonder Woman“ liebe – Eine Analyse

„Wonder Woman“ (2017) ist ein Film, der es zuletzt wie keiner geschafft hat, mich (dem Geek und Autor) zu fesseln, zu verwundern und mich emotional geschlagen und doch befreit im Kinosessel zurückzulassen.

  • Warum gelingt dem Film das, was andere aktuelle Blockbuster (Pirates, Die Mumie) nicht ansatzweise schaffen?
  • Warum reißt er mich auf unterschiedlichen Gefühlsebenen derart mit?
  • Was kann ich als Autor aus diesem Film lernen?


Die kurze Antwort (spoilerfrei):
Dem Film gelingt es, die Apotheose, also die Erhebung eines Menschen zu einem Gott oder Halbgott, nach einem klassischen Erzählmuster (3 Akte, Heldenreise) zu zeigen, ohne sich für meinen Geschmack zu sehr in pathetische, vorhersehbare, CGI-lastige, klischeebeladene, alberne oder kitschige Momente zu verlieren, stattdessen aber eine große Bandbreite an Emotionen triggert, denen ich mich zu keiner Filmminute entziehen kann (meine IMDB-Bewertung: 9/10 Punkten).

 

Die lange Antwort (spoilerlastig):

1. Der Inhalt
Wer lernen Diana, die Protagonistin, in ihrer gewohnten Welt kennen. Sie wächst als einsames Kind auf einer Insel auf, auf der sich ein Volk von Kriegerinnen vor den Augen der Menschheit verbirgt. Diese Insel ist ein Paradebeispiel für eskapistische Sehnsüchte. Es gibt weite Traumstrände, türkisblaue Meere, Wasserfälle, romantisch verklärte Grotten und von Schlingpflanzen pittoresk bewachsene Festungsanlagen im mediterranen Stil – natürlich voller durchtrainierter Frauen, die den ganzen Tag mit engem Brustpanzer und knappen Röckchen herumlaufen.sea-418742_1920

Diana ist die Tochter der Amazonenkönigin Hippolyta, ihr Vater niemand Geringeres als Zeus. Den lieben Tag lang hüpft und springt das gewandte Mädchen durch die terrassenförmige Stadt und begeht dabei nicht nur manche Waghalsigkeit, sie entzieht sich auch dem Korrektiv ihrer überforderten Tagesmutter.

Die leibliche Mutter hat derweil mit ihrem Königinnendasein zu tun und steht höchstens für allabendliche Vorlese-Sessions zur Verfügung; hier gerne Geschichten von Götterkriegen. Zudem verbietet sie ihrer Tochter die Teilnahme an der stahlharten Ausbildung der Amazonen. Warum erfahren wir erst später: Hippolyta will ihre Tochter vor dem Übel der Welt bewahren.

Ausgebildet wird die kleine Amazone zuerst heimlich, später offiziell von ihrer Tante Antiope und bald zeigt sich das übermenschliche Talent der jungen Kriegerin.
Das Leben hätte so idyllisch weiterlaufen können, würde da nicht der Ruf des Abenteuers ertönen. Er kommt – wie sollte es nach der „frauenlastigen“ Exposition auch anders sein – in Form eines Mannes, der in das Leben der nun erwachsenen Diana von Themyscira gespült wird.

Der Spion Steve Trevor (eine Figur grandios ausbalanciert zwischen männlicher Protagonist, Love Interest und Sidekick) stürzt mit seinem Flugzeug direkt aus dem Ersten Weltkrieg ab und durchschlägt dabei spermiengleich den magischen Schutzschild, der das Eiland beschützt.

Sofort ist die Prinzessin zur Stelle und rettet den verwundeten Krieger a.) vor dem Ertrinkungstod und b.) vor den bösen Deutschen (letzteres gleich mehrmals). Damit kommt sie ihrem Save-the-cat-Auftrag nach und Spion Steve wird nicht der einzige sein, den die große Heldin in spe noch retten wird.

Mit einem Artefakt in Form eines Leucht-Lassos fesselt sie daraufhin den einzigen Mann weit und breit (Metapher). Dieser kommt unter der Magie des Stricks nicht umhin, als seine Mission (im Groben: Weltkrieg 1 beenden) auszuplaudern. Aus Sicht der Amazone steckt hinter den Gräueltaten des Krieges natürlich niemand anderes als der Gott des Kriegs himself – Ares, der Erzfeind der Amazonen.

Bevor es richtig losgeht (also das mit dem Krieg-beenden) gibt es noch die obligatorische Nacktszene. Nur dass dieses Mal der männliche Protagonist präsentiert wird und es bei der Einschätzung seiner „männliche Werte“ eine herrlich erfrischende wie amüsante Szene gibt, die nochmal die Diskrepanz beider Welten verdeutlicht.

Diana schnappt sich daraufhin weitere mythologische Utensilien (Schwert, Schild und Lasso), verabschiedet sich von ihrer Mutter und überschreitet zusammen mit dem Mann mittels eines Segelschiffes die Schwelle in die Welt des Abenteuers – Ende Akt I.

Die „neue Welt“ stellt sich als verdrecktes London heraus, wobei der expressionistische Charakter hier noch sehr gemäßigt daherkommt.
So nimmt sich der Film erst einmal Zeit, mit dem Erzählmotiv „Ein Fremder kommt in die Stadt“ zu spielen. Diana muss sich mit den Konventionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts anfreunden: Frauen tragen hochgeschlossene Oberteile sowie lange(!) Röcke und arbeiten für(!) die Männer, aber nicht unmittelbar im selben Raum. Angesichts der Sekretärin von Steve (dem weiblichen Comic-Relief-Charakter) kommentiert die Amazone das gesellschaftliche System lakonisch mit den Worten: „Da wo ich herkomme, nennt man das Sklaverei.“

diana-495410_1920Nahe der Front versammelt sich dann eine kleine Gruppe Verbündeter um die selbsterklärte Friedenskämpferin: Ein schottischer Scharfschütze, der besser singen als schießen kann, ein ausgewanderter Indianer und ein persischer Dolmetscher, dem der Sinn mehr nach Theater und barer Münze steht, als sich in Kriegsgebiet zu begeben.

Der Antagonist ist derweil schon längst in Erscheinung getreten. Der hochdekorierte, grau melierte deutsche Offizier Ludendorff (ein Zuhälter des Krieges) sieht im drohenden Kriegsende seine Daseinsberechtigung gefährdet und versucht mittels seines Sidekicks (s.u.), den Krieg auf skrupellose Weise weiterhin „in Schwung“ zu halten (Sidekick-Schublade auf: Dr. Poison – eine verrückte Wissenschaftlerin, die zuviel mit ihren Giftgas-Rezepten gespielt und sich dadurch selbst geschadet hat. Nun versucht sie, diesen Mangel mit einer puppenhaften und damit kindlich-unschuldig wirkenden Maske zu kaschieren).

Der Krieg wird im Film nicht mit Szenen gezeigt, wie wir sie in „Der Soldat James Ryan“ ertragen mussten. Stattdessen sieht man die „Begleiterscheinungen“ des sinnlosen Unterfangens: Verkrüppelte Soldaten vegetieren im Schützengraben vor sich hin, verlorene Kinder rufen nach ihren Müttern, Bauern auf der Flucht werden mit ihrem Lastkarren vom klassischen Schlammloch aufgehalten und ganze Dörfer hungern, weil sie durch die Frontlinien abgeschnitten wurden.

In diesem „No Man’s Land“ (mehr Symbolismus geht nicht) wird eine Heldin geboren: Diana wirft den Deckmantel ab, das Diadem ihrer gefallenen Tante blitzt im grauen Graben auf und sie steigt in voller Kampfmontur in die von Blei gefressene Ödnis, um zumindest den Konflikt „Dörfler gegen Soldaten“ zu beseitigen.
Diese Szene, die dem Erzählpunkt folgt, an dem die Helden von der Reaktion zur Aktion übergehen, gehört neben der Schlacht-Szene am Amazonenstrand zu den besten und emotionalsten, die ich in letzter Zeit erleben durfte.

Während die Gefährten Dianas sie von der augenscheinlichen Selbstmord-Mission zurückzuhalten versuchen, stürmt die Amazone über das Niemandsland und schlägt Kugel um Kugel des Feindes mit ihren Unterarmschienen weg. Als der Feind zu größeren Geschützen greift, zieht sie, hinter ihrem Schild geduckt, im wahrsten Sinn all das Feuer auf sich. Hinter ihrem gleißenden Schild, die Anstrengung und die Wut sind der Protagonistin ins Gesicht geschrieben, steht jetzt Wonder Woman.
Das folgende musikalische Thema der Titelheldin lässt auch den Kinozuschauer strahlen.

Als das Dorf befreit ist und sich der Staub zumindest dieses Scharmützels gelegt hat, wird bei Wein und Musik getanzt und dann setzt auch noch leichter Schnee ein.
Dennoch ist auch dieser Mittelpunkt im Film keinesfalls kitschig zu nennen.

Zudem findet hier die Kussszene zwischen Protagonistin und Protagonist statt. Sehr interessant ist die Inszenierung und die Darstellung der beiden Schauspieler. Die Kamera ist nah dran, die Einstellung zeigt beide Gesichter zugleich, sie liegen im Schatten, während das Feuer (der Friedensfeier) den Hintergrund beleuchtet. Während des Kusses ist man emotional auf Seiten der Frau, die Dominanz des Mannes (sonst unzählige Male in solch einer Szene fokussiert) ist hier nicht vorhanden; auch das ist erfrischend.

Nachfolgend stellt die Handlung nun auch die Verlinkung zum vorangegangen Batman vs. Superman-Film her (leider sind mir keine weiteren Verknüpfungen zur Justice League aufgefallen) und wäre „Wonder Woman“ eine Serie, würde man diese Folge an dieser Stelle mit dem „Kriegshelden-Foto“ enden lassen.

Doch die Krise naht und einen All is lost-Moment muss es natürlich auch geben. Das teuflische Gas – einen Feind, den man nicht mit Amazonen-Klingen bekämpfen kann – kommt erneut zum Einsatz und fordert unschuldige Leben. Das schürt die Wut im Zuschauer.

Doch die Helden geben nicht auf und finden einen Hinweis, wo der finale dritte Akt beginnt und damit die Konfrontation mit ihren äußeren (Kriegsgott Ares & Co besiegen) und inneren Antrieben (die Welt braucht Superhelden – platt, aber bei einer Origin-Story von DC durchaus legitim) […].

pexels-photo-520622. Die Trigger-Momente
In der Psychologie gibt es den Begriff des Triggers. Hiebei handelt es sich um Sinneseindrücke, die Erinnerungen an alte Erlebnisse und Situationen wecken und dadurch Emotionen hervorrufen; manchmal in einer Stärke, als durchlebe man diese Erlebnisse erneut.
Wenn Geschichten (ob im Film oder Roman) es schaffen, solche Triggerpunkte zu setzen, dann ist dieser Erzählung die Gunst des Rezipienten gewiss.

Bei der Schlachtszene auf der Amazoneninsel durchlebt man bereits ein Wechselbad der Gefühle: von Wow-Effekten bei den SloMo-Kampfszenen, die emotionale Identifikation mit den Charakteren in der Gefahrensituation bis hin zur Vorahnung und dem Schock über den Tod einer Figur.
Ich kann nicht genau sagen, welche persönliche Erfahrung mich bereits in dieser Szene triggerte. Vielleicht war es der Verlust einer geliebten Mentor-Figur, den jeder schon einmal mitgemacht hat (nicht nur Luke auf Dagobah).

Die nächste große emotionale Szene war die im „No Man’s Land“. Wenn Wonder Woman nicht nur das Feuer, sondern auch die ganze Aufmerksamkeit, den ganzen Krieg auf sich zieht, wird sie zur Heiligenfigur, zur Erlöserin und erhebt sich damit über den Menschen, ist dabei aber zugleich der Inbegriff der Humanität.
Es mag sentimental klingen, aber wenn der eigene Großvater im Schützengraben des WKII gelegen hat, betend, dass er Frau und Kinder (meinen Patenonkel, den er nur als Säugling kannte) wiedersehen würde – dann schlägt die Darstellung einer fiktiven Erlöser-Gestalt in solch einem Setting auf Neuronen, die einem die Gänsehaut über den ganzen Körper laufen lassen.
Obwohl es sich im obigen Fall um einen anderen und viel weiter entfernten Krieg handelte, ist das Identifikationspotential durch die enge Verzahnung des Films mit einem realen historischen Ereignis so hoch, dass man sich während der 141 Filmminuten oft denken hört: „Wenn es doch nur so einfach wäre, einen Krieg zu beenden“.

Im Gegensatz zum Auftritt Wonder Womans in dem „verschlimmbesserten“ Batman vs. Superman, in dem diese Figur eher mysteriös, zugleich aber auch unnahbar dargestellt und auf Kampfszenen sowie wenige Dialog-Momente reduziert wurde, schafft es der aktuelle Film, den Geist einer Origin-Story perfekt einzufangen.

Damit ist „Wonder Woman“ der bisher beste DC-Film.

Nicht nur der Weg des Helden wird nahezu lehrbuchhaft nachvollzogen. Der Film stellt auch den Gerechtigkeitssinn der Figur, ihren Mut und Stolz, die Suche nach Wahrheit und ihr Streben nach dem Weltfrieden dar, weshalb Zuschauer weltweit abgeholt werden.
Dabei bedient sich der Film geschickt basale und universale Bedürfnisse, denen man sich summiert in dieser Amazone nicht entziehen kann.

Ein Film zum Verlieben.

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