Das Ohr schreibt mit – Schreiben zu Filmmusik

In dieser Artikel-Reihe beschäftige ich mich mit dem Thema „Inspiration für mein Schreiben“, das bei mir neben der Literatur sehr von Filmen (Soundtracks, Making-ofs, Trailer) und Bildern (Concept Art) geprägt ist.

Heute Folge 1: Schreiben zu Filmmusik

Ich bekenne: Ich kann nicht ohne – nicht ohne Filmmusik schreiben. Zwar gibt es diese Momente, in denen ein Plot-Knoten den Kopf beherrscht oder sich irgendetwas in einem geschriebenen Satz verbirgt, was meine ganze Konzentration fordert (dann nutze ich eine App namens „myNoise“). Doch ansonsten spielen sie im Hintergrund: die Soundtracks, zu denen ich meine Geschichten schreibe.

Soundtrack vs. Score vs. Trailer-Musik

Wenn ich allgemein von Soundtracks spreche, dann meine ich klassische Film-Scores. Der Unterschied: Ein Soundtrack ist oft eine Compilation verschiedener Band-Songs, die so im Film vorkommen (siehe „Baby Driver“ – gerne auch als „Music from the Motion Picture“ bezeichnet) oder er ist ein Mix aus Liedern und orchestralen Stücken (wie bei den Disney-Soundtracks, Beispiel: „König der Löwen“ von Hans Zimmer – Hakuna Matata + Epic-Pathos-Bombast).Zum Schreiben höre ich hauptsächlich Scores, also das große Orchester: Streichinstrumente, Blech- und Holzbläser, Percussion, manchmal ein Chor.

Es gibt noch eine dritte Variante, die weder Soundtrack noch Score ist, sich aber auch hervorragend zum Schreiben eignet. Die Rede ist von „Trailer-Music“, wie sie von Audiomachine oder Two Steps from Hell geliefert wird. Ursprünglich handelte es sich hierbei um für den Privatnutzer nicht frei zugängliche Kompositionen, die unter Film- oder Computerspiel-Trailer gelegt wurden. Mit wachsender Popularität aber haben die Musiker aber immer mehr Alben für den freien Markt freigeschaltet. Während der Europameisterschaft 2012 wurde beispielsweise „Heart of Courage“ von Two Steps From Hell gespielt und viele Sportclubs nutzen ähnliche Kompositionen zur Motivation ihrer Mannschaften.

Die Geschichte „meiner“ Filmmusik

Meine Liebe für Filmmusik (Scores) begann mit James Horners „Braveheart“. Zwar habe ich die Musik im Kino als 18-jähriger nicht explizit wahrgenommen (das möchte ein Score auch nicht), aber bei der anschließenden Rollenspiel-Runde, als Horners Musik in Schleife lief, war ich mehr in Schottland als in Aventurien.
Apropos Rollenspiel-Scores. Kurz vor der Jahrtausendwende lief am Spieltisch (wie auch heute beim Schreiben) besonders oft der „Conan“-Soundtrack, „Stargate“, „Die drei Musketiere“ (Michael Kamen, der Film mit Charlie Sheen, Kiefer Sutherland und Chris O’Donnell)  oder natürlich der Highlander.

Im hiesigen „Plattenladen“ stellte das Soundtrack-Regal damals noch eine sehr kleine Nische dar und bestand im Großen und Ganzen aus einer „Grease“-CD und der üblichen Star Wars-Aufnahme. Auch ein Markt für Soundtrack-Sammler bestand vor dem Jahr 2000 noch nicht. Stattdessen fachsimpelte ich wöchentlich mit dem Abteilungsleiter des Elektro-Marktes, und bekam regelmäßig Rabatt auf die damals noch sehr teuren CDs.

Ich glaube, dass den Markt für klassische Scores erst Filme wie „Titanic“, „Gladiator“ (zu beiden gibt es sogar „More Music from …“-Alben) und später dann „Lord of the Rings“ geöffnet haben (von „Game of Thrones“ ganz zu schweigen). Seitdem finden sich in den Making-ofs der großen Filme auch immer wieder Hintergrund-Dokus zur Filmmusik und es gibt Live-Konzerte zu „Star Wars“ und „Herr der Ringe“ (ich durfte in Belgien einer Aufführung der LOTR-Musik lauschen, dirigiert von Howard Shore himself – nie habe ich bei „May it be“ so viele Menschen aus Freude weinen sehen).
Seit Braveheart (1995) kaufe ich, was der Markt an Scores bereitstellt und seit es AppleMusic gibt, ist meine Sammlung nahezu explodiert.

Ich will in diesem Artikel nicht die Diskussion zum Thema „Streaming-Dienste“ beginnen. Nur so viel: Ich weiß, dass meine 14,99 € (Familienabo), die ich monatlich gerne berappe, kaum bei dem kleinen Komponisten ankommen werden. Dennoch stellt Apples Angebot für mich eine unwiderstehliche, nahezu unerschöpfliche und vor allem legale Quelle für mein „kleines Hobby“ dar.

Wie funktioniert mein Schreiben zu Filmmusik?

Ich bin ein Sammler. Und sammeln geht einher mit Leidenschaft. Darin steckt „Leiden“. Daher kommt jeder Sammler irgendwann an den Punkt, an dem er sich um Ordnung kümmern muss. Während ich vor meiner Zeit als Autor (gab es die überhaupt?) noch Scores nach Genre und Komponist ins Ikea-Benno-Regal sortierte, ordne ich heute Tracks in virtuelle iTunes-Regale.
Beim Füttern dieser Playlists gehe ich wie folgt vor:

  1. Entdecken des neuen Soundtracks, meist bedingt durch aktuelle Kinofilme oder Serien.
  2. Erstes Anhören (komplettes Album, wahlloses Anspielen von Tracks oder folgen von „Kaufanzahl-Empfehlungen“ im iTunes-Store)
  3. Erstes Rating (mittels der Sterne-Bewertungen. Was mir auf Anhieb ins Ohr geht, bekommt schon mal 2-3 Sterne, was sofort durchfällt, nur einen Stern)
  4. Zweites Anhören (bewussteres Hören) und erneutes Rating der Lieblingstracks
  5. Sortieren (in Playlists)

Gerade der letzte Schritt ist der für mein Schreiben wichtigste. Ich habe diverse Playlists auf dem PC, die „Pathos“ oder „Lovestory“ heißen, „Kampf“ oder „Unterwelt“, „Spannung“ oder „Neutrales Storytelling“ (weitere für die aktuelle Geschichte und damit viel spezifischere sind: „Diebe bei der Arbeit“, „Beginn“, „Ende“ oder auch „Dschungel“ und „All is Lost“ etc.).
Jeder Track rutscht nach dem (mittlerweile intuitiven) Auswahlverfahren in einen dieser Ordner, so dass ich bei einer Szene, die ich später schreibe, sofort mehrere Auswahlmöglichkeiten für die passende Stimmung habe.

Vor jeder Geschichte suche ich mir aus diesen allgemeinen Playlists passende Tracks heraus und kopiere sie in die Scores-Liste des aktuellen Schreibprojektes.
Während des Schreibens (und auch schon während der Plot-Vorarbeit) ist es dann meist so, dass dieser Track in Endlos-Schleife läuft und damit Musik und Text eine Einheit eingehen.
Nicht selten ist der Track dann für andere Szenen oder Stimmungen verbraucht, weil er ansonsten immer wieder die Bilder der letzten Geschichte heraufbeschwören würde.
Während der Arbeit am Roman entsteht so ein Score, der fast nahtlos die Kapitelstruktur und somit die Handlung abbildet.

Die Schreibmusik zu meinem Debütroman (Spotify-Playlist) gibt es hier.

Probleme beim Schreiben zu Filmmusik

Wenn oben schon die Rede davon war, dass Filmmusik-Tracks nach einmaligen Schreiben oftmals „verbrannt“ sind, besteht diese Gefahr vor allem bei „starken Scores“. Darunter verstehe ich Filmsoundtracks, die bei den Kinozuschauern entweder sehr populär sind (LOTR) oder bei mir mit bedeutenden persönlichen Erfahrungen gekoppelt sind.
In der Regel taugen „starke Scores“ selten zum Schreiben, weil sie somit schon „belegt“ sind. Beispielsweise kann ich zu der Musik von Burtons Batman-Adaption kaum schreiben, wohl aber zu den (zugegeben auch sehr eingängigen) Motiven aus Hans Zimmers Batman-Musik.

Eine weitere Problematik liegt nicht unbedingt in der Filmmusik selbst, sondern in ihrer Verfügbarkeit. Mein AppleMusic-Abo verführt mich, wie es jeder Streaming-Dienst macht, zum exzessiven Sammeln. Wie auch bei eBook-Flatrates streamt und speichert man Album um Album, in der Annahme, später in Ruhe reinzuhören. Meist kommt man aber nicht dazu und die Scores „verstauben“ auf der Festplatte/in der Cloud. So besteht die Gefahr, sich zu „überhören“ – weniger ist auch hier oft mehr.

Abschließend soll dieser Beitrag nicht ohne eine Handvoll Score-Empfehlungen und eine persönliche Liste der Top-Tracks (Ausschnitt) schließen (inkl. der bereits „verbrannten“). Beide Listen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wer mehr (oder gezieltere) Tipps zu Schreibmusik haben möchte, kann mir gerne hier oder auf den Social-Media-Plattformen schreiben.

Gesamte Scores

  • Braveheart (James Horner)
  • Gladiator (Hans Zimmer)
  • King Arthur – Legend of the sword (Daniel Pemberton)
  • Tron (Daf Punk)
  • Stardust (Ilan Eshkeri)
  • Invincible (Two Steps From Hell)
  • Valkyrie (Jo Blankenburg)
  • Oblivion (M83)

Einzelne Tracks (Trailer-Music und Scores)

  • Two Steps From Hell – Skyworld: El Dorado
  • John Williams – Harry Potter an der Chambers of Secrets: Fakes the Phoenix
  • Michael Kamen – Highlander: The Highlander Theme
  • Audiomachine – Decimus: Ashes of Time / Voyage of Dreams
  • Hans Zimmer – Rango: Rango Suite
  • Greg Edmonson – Uncharted: Nate’s Theme
  • The Immediate – Trailerhead: Prometheus Rising
  • Jay Chattaway – The Best of Star Trek: Orchestral Suite From The Inner Light
  • Jeff Beal – Rome: Cleopatra seduces Caesar
  • Jesper Kyd – Assassin’s Creed 2: Ezio’s Family
  • John Powell – How to Train your Dragon: This is berk
  • John Williams – Star Wars: The Force Awakens: The Jedi Steps and Finale
  • Lorne Balfe – Assassin’s Creed Revelations: Assassins Creed Theme
  • Ramin Djawadi – Game of Thrones Season 6: Light of the Seven
  • Andrew Lockington – City of Ember: One Last Message
  • Basil Poledouris – Conan the Babarian: Riddle of Steel / Riders of Doom
  • Brian Tyler – Thor: The Dark World: Journey to Asgard
  • Craig Armstrong – Elizabeth: The Golden Age: Storm
  • Danny Elfman – Alice in Wonderland: Alice’s Theme
  • Ennio Morricone – The Good, The Bad and the Ugly
  • Hans Zimmer – The DaVinci Code: Chevaliers De Sangreal
  • Hans Zimmer – The Lion King: This Land
  • John Williams – Jurassic Park: Theme
  • Klaus Badelt – Fluch der Karibik: Blood Ritual
  • Patrick Doyle – Harry Potter and the Goblet of Fire: Harry in Winter
  • Nick Arundel – Batman: Arkham City: Arkham City Main Theme
  • Steve Jablonsky – Transformers: Autobots
  • Roque Banos – In the Heart of the See: The White Whale Chant
  • Tomoyasu Hotei – Kill Bill, Vol. 1: Battle without honor of humanity
  • Trevor Morris – The Tudors: Wolsey Commits Suicide / Finale

One thought on “Das Ohr schreibt mit – Schreiben zu Filmmusik

  1. Vielen Dank für diesen tollen Artikel!

    Ich schreibe auch extrem viel mit Musik (ebenfalls primär Soundtracks/Scores und orchestrale Stücke), allerdings bei weitem nicht so organisiert wie du – bei mir gibt es lediglich Ordner für das jeweilige Buchprojekt.

    Sehr inspirierend!

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