Wir müssen reden – Ein Brief an den Regisseur von Star Wars 8

Update 07.01.2018

Nachdem ich „Star Wars 8“ erneut sehen durfte (dieses Mal in der Originalversion), sehe ich nun vieles, was ich in meiner Rezension kritisiert habe, deutlich gelassener.
Den Humor empfand ich keineswegs mehr als störend, er drängte sich tatsächlich nicht mehr so in der Vordergrund wie beim ersten Seherlebnis. Der Rhythmus des Films, vor allem die Screentime-Balance zwischen den Szenen auf Canto Bight und der auf Ahch-To, wirkte deutlich harmonischer, als ich ihn in Erinnerung hatte. Sogar die Emanzipation von Episode VII empfand ich als glücklicher.
Zwar ist die Figurenanlage von Rose und Finn in meinen Augen immer noch schwach, die Schleichfahrt-Verfolgung der Rebellen-Flotte zieht sich zu sehr und Leias Flug … na ja. Aber all das mildert sich mit Blick auf das positive Gesamterlebnis ab.
Wahrscheinlich entstand der angekratzte Ersteindruck durch viel zu hohe Erwartungen und falsche Trailerversprechungen, wahrscheinlich liefert der Film beim ersten Mal auch zu viel auf der visuellen und erzählerischen Ebene. Beim zweiten Mal kann man diesen Star Wars-Film definitiv mehr genießen – das bestätigen viele Zuschauer.
Im Gesamten also bin ich versöhnt mit „The Last Jedi“ und erhöhe mein Ranking auf 8 von 10 Sterne.

 

Massive Spoiler-Warnung: Bitte nur lesen, wenn man den Film mindestens einmal gesehen hat.

Sehr geehrter Herr Johnson,

mit großer Vorfreude habe ich Ihrem Star Wars-Film entgegengefiebert und von Woche zu Woche stieg die Erwartungshaltung mit jedem Trailerschnipsel an.
Nun habe ich „Die letzten Jedi“ gesehen und bin … begeistert: von der Musik, den Kamerafahrten, dem Sounddesign, von der Prolog-Schlacht mit den Bombern, der Zwei-Sonnen-Szene, generell Lukes Charakter, Reys Weg und Yodas Auftritt. 7 von 10 Sternen ist mir der Film wert (eine „gut minus“, wenn Sie so wollen).

Aber was sage ich zu all dem Rest? Den drei Punkten bis zum Meisterwerk? Nun, der Rest hat mich verwirrt; nicht enttäuscht, nicht geflasht, leider nur verwirrt (vielleicht liegt es daran, dass ich den Film bislang nur einmal gesehen habe. Aber wie war das mit dem ersten Eindruck?).

In diesem Brief versuche ich daher, meiner Verwirrung auf den Grund zu gehen. Der Übersicht halber konzentriere ich mich auf fünf Aspekte, um nicht allzu kleinlich zu erscheinen:

 

1. Die irreführende Tonalität der Trailer

Atmen, Lichtschwert-Übungen, Weltraumschlachten und Heldenmomente – in den Trailer haben Sie uns vermittelt, dass sie die Fackel der neuen Trilogie von ihrem Kollegen J. J. weitertragen, vielleicht sogar Licht ins Dunkel all unser Fan-Fragen bringen werden. Doch die Atmosphäre, die in den Trailern vermittelt wurde und der Duktus der Bilder spiegelt keineswegs das wider, was der eigentliche Film ausdrückt. Stattdessen präsentieren Sie uns einen überwiegend lustige und von der Erzählung stellenweise verworrene, langatmige (im Ernst: Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal über einen Star Wars-Film sagen würde) und unlogische Geschichte, die kaum noch an das erinnert, was die Trailer suggeriert haben.

 

2. Die Demaskierung der Helden

Star Wars war und ist meiner Meinung nach eine Heldengeschichte; eine Odyssee von Außenseitern. Auch Finn, Rey und Co waren als solche angelegt, werden in Ihrer Episode aber teilweise dekonstruiert. Zwar präsentieren Sie uns eine Handvoll Heldenmomente (Froschperspektive bei Finn nach dem Kampf gegen diese silberne Brienne), führen diese aber in den meisten nachfolgenden Einstellungen wieder ad absurdum.

Wenn Luke den Gorilla-Läufern der ersten Ordnung gegenübertritt – dies 1,5 Stunden zuvor sogar durch seine Weigerung indirekt ankündigt –, sich dann aber den holografischen Staub von der Schulter wischt, dann verliert der Held vieler Generationen an Ernsthaftigkeit.

Auch Poe Dameron möchte ein Held sein, darf es aber aus Sicht der anderen Rebellen nicht, versucht es aber dankenswerterweise dennoch. Trotz temperamentvollem Storybogen findet bei ihm keine Entwicklung seit Episode 7 mehr statt. Er ist und bleibt der schießwütige Draufgänger, als der er angelegt wurde.

Die neue „Heldin“ Rose kann nichts (außer „Helden“ anhimmeln) und ihr einziger Charakterhintergrund ist, dass sie eine Schwester hat, die sich als Heldin geopfert hat. Immerhin besitzt sie ein „Artefakt“, das die Handlung um wenige Sekunden vorantreibt. Auch gönnt Ihr Film, lieber Herr Johnson ihr nur einen richtigen Heldenmoment und in diesem verhindert sie dann auch noch die einzige Heldentat dieses Ex-Troopers.

Apropos Finn: Was für ein Problem haben Sie mit dieser Figur? Sie wird schon in einem peinlichen Moment eingeführt und nachdem sie hier „ausgelaufen“ ist, läuft sie nahezu plan- und erfolglos durch den gesamten restlichen Film – man kann sogar von permanenten Weglaufen (oder -reiten) sprechen. Denn diese ganze Casino-Planet-Geschichte um Finn und Rose war leider nicht nur schlecht inszeniert und hatte eine für StarWars-Verhältnisse fast schon miese CGI-Qualität, sondern war auch storytechnisch so was von überflüssig, dass sich viele Zuschauer zu recht fragen, warum sie hier nicht gekürzt haben. Und was sollte diese Öko-Terrorismus-Note mit den geschundenen und nun befreiten Kreaturen? Ich war dankbar, dass Rose auf dem Rücken dieser Viecher nicht auch noch angefangen hat zu singen.

Einzig Rey „Mary Sue“ Nobody darf eine Heldin sein, rotgepanzerte Figuren verdreschen und eine Menge Steine hochheben (Juchuu, eine Storyklammer).

Die „finsteren“ Helden sind ebenfalls keine mehr.
Kylo steht nicht nur ohne die Maske (die strahlte wenigstens noch Macht aus), sondern auch ohne Handtuch da (wurde das gerade gebügelt?), Snoke wird zerschnitten, bevor wir wissen, wer er ist, und General Hux wird dermaßen vorgeführt, das ich mich frage, was die Figur Ihnen als Regisseur und Drehbuchautor getan hat. Was ist aus dem Anführer der Ersten Ordnung und seiner Brand-, ich meine Eisrede auf der Starkiller-Base geworden? Vor welchem Charakter der dunklen Seite dürfen wir eigentlich noch Respekt haben?

Vielleicht eher vor einem aus der zweiten Reihe?
DJs Wandel kommt unerwartet (so weit so gut). Doch er hätte einen weiteren Twist gut vertragen können. Warum hat nicht er den AT-ST kurzgeschlossen, sondern diese Blechkugel?
Und Captain Phasma? Der gönnt man gefühlte 3 Minuten Screentime und der Schauspielerin gerade mal einen Close-Up aufs Auge.
Oder führen Sie uns hier an der Nase herum und beide zuletzt genannte Figuren kehren in Episode 10 nochmal zurück? Ach ja, den machen Sie ja nicht mehr, sondern dieser andere Regisseur, vor dessen Plot-Ideen Sie so wenig Achtung haben (dazu später mehr).

Ihre Helden stecken derweil in keinem großen Dilemma, manche agieren nicht mit ihrer maximalen Kraft und am Ende mangelt es ihnen an Identifikationspotenzial.
Und mal ehrlich: Ein Vize-Admiral mit lila Haaren im Abendkleid an Bord eines Rebellenschiffs?
Insgesamt zeigt sich die Abkehr von allem epischen Heldentum aber vor allem darin, dass Luke sein Lichtschwert wegwirft. Nicht ablehnt, nein über die Schulter wirft. Und damit zum nächsten Kritikpunkt.

 

3. Fühle den Grashalm, du Funkel-Porg!

Star Wars war schon immer lustig. In seinen One-Linern, in seiner unfreiwilligen Handmade-Optik, bei seinen Droiden. Aber was Sie in diesem Film, mein lieber Herr J., an Komik und Klamauk abfeuern, das hat man in einem Star Wars-Film noch nicht erlebt (und auch hoffentlich nie wieder).

Die Ewoks hatten wenigstens noch eine Storyfunktion (ok, Ihre Funkelfüchse auch). Aber die Daseinsberechtigung der mangaäugigen Porgs beläuft sich scheinbar nun auf ihre Marketing-Tauglichkeit. Denn welcher 7-jährige kann sich dem Kindchenschema-Plüsch schon entziehen?
Wo wir gerade bei diesen Kreaturen sind: Denken Sie nicht auch, dass sie es mit den Gags übertrieben haben? Chewbaccas Brat-Porg wirkte in der ersten Einstellung noch lustig (Gegenschuss zu den Terrorblick-Porgs), dann aber kommt derselbe Gag noch einmal, nur dieses Mal mit einem Trauergesicht-Porg. Und als hätten wir den Störfaktor dieser Fußhupen noch nicht begriffen, fliegen sie diverse Male durch das Cockpit unseres Lieblingsraumschiffs und lassen den ehemaligen Wookiee-Helden dumm dastehen.

Auch die Ur-Insel der Jedi wird durch zeternde Fischnonnen entmystifiziert, daran kann auch die Verrückt-Version von Yoda nichts mehr ändern.
Überhaupt negieren Sie viele dramatische und epische Momente direkt im nächsten Schnitt, so dass Mitleid oder Ehrfurcht mit Gelächter weggewischt wird. Dabei sind viele der Gags fast schon pubertär und albern (Bügeleisen, Mutter) und passen wenig zur Grundstimmung der übergeordneten Geschichte. Immerhin steht noch „Krieg“ im Titel des Films.
Doch statt epischer Schlachten (ja, der Anfang des Films war super) servieren sie uns Münzbeschuss durch BB8, Rodeo durch BB8, mit dem Kopf durch die Schaltkreise-BB8. Schon klar, dass der Droide gut bei den Zuschauern ankommt und jede gute Handlung bracht Comic-Relief. Aber auch hier gilt: zu viel.

Mein Sohn schaut gerade die Lego-Filme aus dem Star Wars-Universum. Hier marschiert Darth Sidious mit einem Ghettoblaster in den Senat und präsentiert seine neue Imperial March-Musik, Jar Jar Bings wird ständig weggeblastert und Darth Vader bekommt Sand in seinen Helm – das ist lustig, weil es hier lustig sein darf, weil hier die Geschichte absichtlich persifliert wird. Aber Sie hatten doch den Auftrag, etwas Episches zu erschaffen und keinen Fanboy-Film, keine Spaceballs-Neuauflage, oder?

 

4. Mut, du hast!

Dass Sie den Oberbösewicht Snoke als reines Plotdevice für den Storyark seines Schülers sehen und somit schon im zweiten Teil gekillt haben, fand ich mutig (obwohl ich hoffe, dass es nur ein Klon war und er bei J. J. Abrams wiederkommt). Auch die angedeutete Doppelspitze aus Kylo und Rey, die dann leider nicht zum Zuge kam, fand ich eine mutige Script-Entscheidung. Überhaupt merkt man Ihrer Interpretation des Star Wars-Universums an, dass sie Neues (wider aller Tradition) schaffen wollten; im Visuellen, in den Figuren und ihren Handlungen. Aber „Zu wenig Sprit“ und andere technische Diskussionen passen eher in die Welt einer anderen Science Fiction-Serie.

Mutig fand ich auch die letzte Szene. Ich meine diese „Spielberg-Charles Dickens-Rowling“-Szene mit dem machtsensitiven „Golden Child“, das in die Sterne und Lichtspur des Millennium Falken blickt und dessen Funke vermutlich eine neue Generation von Rebellen entfacht. Ob sie kitschig ist, darüber kann man streiten. Auf mich wirkte sie wie eine Post-Credit-Scene aus diesen Marvel-Filmen und wollte durch ihre Abkehr von den „Helden“ sowie in ihrer Ernsthaftigkeit auch nicht zum Rest des Films passen (ich bin aber heilfroh, dass der Junge am Ende nicht auf seinem Besen davongeflogen ist). Hoffentlich beginnt Episode IX viele Jahre später.

Dass Sie den Machtgeist von Yoda heraufbeschworen haben, war eine von drei Gänsehaut-Momenten (nach der Zwei-Sonnen-Klammer und dem Sternenzerstörer-Durchschuss). Allerdings scheint die Kommunikation mit der CGI-und Animatronic-Abteilung nicht ganz rundgelaufen zu sein, denn obwohl die Machtgeister traditionell (da haben wir es erneut) durchscheinend blau erscheinen, wechselte dies bei Yoda von Einstellung zu Einstellung.
Endlich verfolgen wir auch nicht mehr nur den Weg des Helden, sondern dieses Mal auch den des Schurken. Wohin sich Kylo Ren entwickelt, bleibt weiterhin spannend.

Als besonders mutig, aber leider völlig entglitten, empfand ich das Gleiten Leias nach ihrer Wiedergeburt zurück zum Raumschiff. Das sah nicht nur verdammt billig aus, es war zudem ein erneuter Schlag vor dem Kopf so viele Fans. Wenn Sie es schon nicht nur bei bloßen Macht-Andeutungen belassen wollten, sondern diese alles andere als subtil inszenierten, warum dann nicht in der Spiegelhöhle der fragenden Rey?

 

5. Kampf der Regisseure

Mögen Sie J.J. Abrams eigentlich? Ich habe nicht den Eindruck, denn jeden noch so epischen Ansatz ihres Vorgängers wischen sie in Ihrer Episode allzu leichtfertig beiseite. Lukes Aura, Reys Eltern, Snokes Background – gibt es eigentlich so etwas wie einen Masterplot für diese Trilogie. Oder war der Ansatz: Jeder Regisseur darf machen, was er will, sei es nur irgendwie anders? Während Setbauten, Matte Painting, Animatronics und reine Greenscreen-Effekte bei Episode VII noch homogen wirkten und damit Star Wars-Charme kreierten, gab es gerade auf Canto Bight Anklänge an die Vorvorläufer-Trilogie (das Podrace wirkte glaubhafter als diese Riesenpferd-Stampede).Und dann gibt es noch dieses Rogue One. Haben Sie diesen Film eigentlich gesehen? Immerhin durfte dessen Regisseur einen kurzen Cameo-Auftritt im Schützengraben auf Ihrem Salz-Planeten hinlegen. Das war Krieg der Sterne, das war gritty, dark und pathetisch.

 

Fazit

Stellenweise mag ich Ihren Film – besonders die Musik  – und jammere hier sicherlich auf hohem Niveau (7 von 10 Punkten ist immer noch ein guter Film, aber vom „Film des Jahres“ erwarte ich einfach mehr).
Sie haben die Latte in Ihren Trailern so hoch gelegt, in ihrem Behind-the-Scences-Videos so viel versprochen und letztendlich so wenig oder so viel anders eingelöst, dass am Ende die Verwirrung den Zauber überdeckt. Ich fürchte mich nun offiziell vor Ihrer kommenden Trilogie.

Und nun schreibe ich Herrn Abrams einen Brief. Denn noch besteht Hoffnung. Hoffnung auf Snokes Wiedergeburt, den Verbleib der Knights of Ren, die Backstory zu C3POs roten Arm, die Auflösung, wer den Tempel der Jedi (Lukes, nicht den Baum) letztendlich abgefackelt hat und wie die Jedi-Bücher zusammen mit Rey zurück an Bord des Millennium Falken gekommen sind. Ach ja, und dass Kylo die gute Rey bezüglich ihrer Eltern angeschwindelt hat. Denn eines ist klar: Ich glaube, Sie haben uns mit diesem anstrengenden Film ganz schön an der Nase herumgeführt (Stichwort: Red Herrings) und erst nach Episode IX werden wir hoffentlich alle verstehen, welchen Zweck dieser Mittelteil in der Trilogie verfolgt. Hoffentlich!

Kommentar verfassen