DramaQueen 2 – Willkommen im Plot-Paradies

Noch ein Schreibprogramm? Noch mal Geld investieren, einarbeiten, Videokurse absolvieren, Projekte kopieren, Dokumente konvertieren?

Nach Papyrus Autor und Scrivener (die ich beide sehr schätze und die für mich weiterhin ihren ganz speziellen Nutzen haben, aber meinen Plot-Bedürfnissen nie gänzlich entsprechen konnten) stieß ich nach einer Empfehlung von Augenschelm auf das Schreibprogramm DramaQueen.

Eigentlich als Tool für Drehbuch-Autoren von einem Team Kreativer (Dramaturgen, Softwareentwickler und Filmemacher) konzipiert, um Filmschaffende bei der Erstellung und auch Analyse von Filmplots zu unterstützen, stellt DramaQueen aufgrund seiner Schlichtheit und dennoch hohen Funktionalität das für meine Autoren-Bedürfnisse derzeit beste Programm unter den Schreibprogrammen dar.

 

+ Ein Programm für Plotter

Man muss vorwegschicken, dass es ein Programm für Outliner oder neudeutsch „Plotter“ ist, für diejenigen unter den Prosa-Autoren (diese werden nach der originären Zielgruppe „Drehbuchautoren“ seit 2016 auch in einem separaten Template angesprochen), die ihren Geschichten planen, also bereits vor dem ersten getippten Satz nahezu fertig konzipiert haben.

Genau das macht DramaQueen für mich so wertvoll: Es unterstützt mich bereits ab der ersten fixen Idee, hilft bei der Figurenerstellung, stellt Fragen an den entscheidenden Story-Punkten, visualisiert den Handlungsverlauf der Geschichte und vereinfacht die Schreibphasen bei der Erstellung eines Exposés über das ausführlichere Konzept bis hin zum fertigen Roman.

 

+ Figurenzentriertes Romanschreiben durch intelligentes Storytelling

DramaQueen stellt konsequent die Figur, ihre Bedürfnisse und Handlungen in den Vordergrund. Dabei bietet das Programm zwei Möglichkeiten.

Man kann damit beginnen, eine Figur anhand eines vorgefertigten Charakterbogens zu konzipieren (klassisch über das Aussehen, Eigenschaften, eine Backstory usw.). Bisher fehlt mir hier zwar noch das Editieren dieser Formularfelder, aber das große Plus sind Fragen nach dem „Want“ und „Need“ der Charaktere, der Fallhöhe, dem Konflikt usw. Der Bogen wirkt dabei nicht überladen, sondern stellt das Wesentliche einer Figur fokussiert heraus.
Wer hierbei Erläuterungen zum dramaturgischen Fachvokabular sucht, wird durch einfachen Klick auf den Begriff an die hauseigene DramaWiki weitergeleitet, die für sich angenommen schon einem umfangreichen und gut geschriebenen Schreibratgeber gleicht.

Die andere Startmöglichkeit läuft über den Reiter „Storytelling“. Hierbei fragt das Programm zunächst nach dem Thema, danach der Longline und Prämisse (ebenfalls unterstützt durch erklärende Texte). Danach sind die grundsätzliche Figurenanlage an der Reihe und DramaQueen will z.B. wissen, ob die Hauptfigur einem klassischen Helden entspricht, einem Underdog, einem Außenseiter oder gar einem Antihelden. Auch hier stehen Hilfetexte zur Verfügung, die beispielsweise die jeweiligen typischen Eigenschaften des Heldentypus auflisten.

Doch damit nicht gut. DramaQueen verlangt Gedanken und Entscheidungen zur „Gewohnten Welt“ der Figur, der Anfangskrise, zum Leitmotiv, Schlüsselsätzen, der Weigerung, dem Point of no return, Erkenntnis, Obligatorische Szene, Selbsterkenntnis, Wandlung, Kiss Off usw.
Jede Entscheidung, die man in die Storytelling-Maske eingibt, verändert den Plot, d.h. die Maske passt sich umgehend an und gibt den weiteren möglichen Weg der Figur vor – für mich der größte Aha-Effekt des Programms.

Erfahrungsgemäß kommt man als Autor schnell an den Punkt, an dem man denkt: „Ach, weiß ich jetzt auch nicht. Ist (erst mal) nicht wichtig für die Story. Ich fange einfach mal an zu schreiben. Das ergibt sich dann schon.“ Wochen oder gar Monate später bereut man seine damalige Lustlosigkeit, auch diese Figurenfacette konkret benannt zu haben – das Plothole ist da, die Reparatur zeitaufwändig.

Sicherlich kann DramaQueen solche Plotlöcher nicht verhindern, aber das Programm ist hartnäckig in seinen Nachfragen, legt den Finger in die Wunde und deckt u.a. durch seine Möglichkeit der Visualisierung von Storylines lose Erzählenden unerbittlich auf.

Am Ende der Storyline/Figurenentscheidungen steht ein wichtiges Grundgerüst, auf das sich weiteres Füllmaterial gut aufschichten lässt.

Natürlich könnte man DramaQueen vorwerfen, es böte die Gefahr der Gleichschaltung von Storys durch immer gleiche Plotmuster. Die klassische Akt-Strukturierung von Geschichten, seit Jahrtausenden genetisch in uns verankert, lässt sich meiner Meinung nach aber nicht gänzlich aufbrechen. Jede Modifikation (DramaQueen ermöglicht z.B. die Anpassung der Wendepunkt-Anzahl sowie deren Position) erhält erst unter der Kenntnis der Grundstruktur ihre Berechtigung. Und ganz nebenbei bietet DramaQueen so auch eine Schulung in Dramaturgie (u.a. zu beispielhaften Märchen und Filmen).

 

+ Aufgeräumte und fokussierte Optik

Ein weiteres Plus ist die bereits erwähnte Übersichtlichkeit. Grundsätzlich ist die Benutzeroberfläche in Spalten organisiert, die sich flexibel zu- oder wegschalten lassen (und sich automatisch dem Platz anpassen), je nachdem in welchem Bearbeitungsstatus man sich befindet.

Dies geht zwar zu Lasten der Schriftgröße, aber ich habe die Reiter zu Ideen, Figuren, Schauplätzen, der Kapitelübersicht in der Outline sowie mein eigentliches Text-Blatt (Exposé) gerne gleichzeitig auf einem Monitor und damit mein gesamtes Projekt verfügbar.

 

Zudem verzichtet das noch junge Programm auf überflüssigen Zierrat (ich hoffe, das bleibt auch so). Die kurzen Dropdown-Menüs sind nicht überfrachtet und es gibt keine unendlichen Schaltflächenreihen, sondern sich ebenfalls dem jeweiligen Reiter anpassende Icons.

DramaQueen beschränkt sich auf das Wesentliche und hebt damit in Punkte Übersichtlichkeit und Schlichtheit von manchem Konkurrenzprodukt ab. Dies ist auch der Grund, warum die Phase der Einarbeitung im Vergleich zu Scrivener & Co überraschend kurz verlief und man eigentlich direkt loslegen konnte. DramaQueen ist sehr intuitiv aufgebaut. Obwohl eine zuschaltbare Hilfe-Seite existiert (u.a. aufgelockert durch Links zu kurzen Erklär-Videos), benötigt man diese zu Beginn nicht unbedingt.

 

+ Nützliche Features

Auch beim Schreibprozess der eigentlichen Outline setzt DramaQueen auf Effizienz. Was man einmal in sein Exposé geschrieben hat, kann man mit nur einem Mausklick auf die nächsthöhere Ebene bringen (Konzept und dann Erzählung), um dort die Akte, Teile, die Kapitel und Unterkapitel zu erweitern. Das ist nur nicht nur zeitsparend, es folgt auch meinem intuitiven Vorgehen.

Was ich bislang wenig genutzt habe, ist die Möglichkeit der Visualisierung der dramatischen Handlung in Form von Spannungskurven; laut den Machern eines der Alleinstellungsmerkmale. Hier kann man hervorragend Fallhöhen darstellen, Knotenpunkte der Story erkennen oder gar erzählerische Lücken erkennen.

Nach dem Schreiben bietet DramaQueen an, das Manuskript als Normseite zu konvertieren und u. a. als docx, Rich-Text oder im epub-Format zu konvertieren. Auch das ist praktisch.

 

+ Drei Versionen und Ausblick auf Updates

Die Entwickler bieten drei Programmversionen (PLUS, PRO, FREE mit unterschiedlichem Funktionsumfang) an und damit auch unterschiedliche Preise. Auch die Möglichkeit der monatlichen Miete sowie eine Studentenversion ist gegeben.
Wer sich zunächst unsicher ist, ob das Programm etwas für ihn ist, kann dieses in voller Funktionalität 30 Tage lang testen (übrigens nicht 30 Kalendertage, sondern 30 Nutzungstage – auch hier zeigt sich das sehr userfreundliche Konzept des Produkts).

Überhaupt stellt sich die Symbiose zwischen Entwickler und Benutzer äußerst sympathisch dar. Selbst ein Programm-Absturz (ich hatte bisher nur einen und der wirkte sich nicht auf das gespeicherte Ergebnis aus) wird nach Feedback bei Bedarf mit barer Münze vergütet.

Wenn es an DramaQueen überhaupt etwas auszusetzen gibt, dann vielleicht an der bisher nicht vorhandenen Möglichkeit, Bildmaterialien (ich denke hier zum Beispiel an Schauspieler-Fotos für die Figuren oder zu Schauplätzen) einzubinden. Auch einen Zeitstrahl sucht man vergebens.

Allerdings haben die Macher vor Weihnachten ein neues Update in den Äther geworfen und Funktionalität und Featurepalette noch einmal ordentlich ergänzt. Schaut man hier nach, sind zudem viele kommende Neuerungen (wie z.B. ein Schreibmaschinenmodus, eine Karteikarten-Ansicht, eine Einteilung des Erzählstoffes in Serienformate sowie Synonym- und Stillfunktionen) in Arbeit. DramaQueen ist noch lange nicht im finalen Akt angelangt.

 

Fazit

Im Vergleich mit anderen Schreibprogrammen stellt DramaQueen das momentan für mich beste Tool für Geschichtenerzähler dar.

Derzeit plane und schreibe ich an zwei Kinderbuch-Projekten und bisher fand jeder Schritt dazu in diesem Progeamm statt.

Für DramaQueen sprechen:

+ die Plotter-Orientierung
+ das figurenzentrierte Storytelling
+ die optische Übersichtlichkeit
+ die einfache, weil intuitive Bedienung
+ die Vielfalt von Features und das Potenzial zur Weiterentwicklung

Ich empfehle jedem, der epische oder dramatische Texte entwickelt, das Programm zu testen. Es bereichert die Art, gute Geschichten zu schreiben.

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